
| |  | | Durchschnittlich sieben Jahre dauert die Odyssee eines psychisch oder psychosomatisch kranken Menschen durch das medizinische Versorgungssystem, bis sein Leiden in einer stationären psychotherapeutischen Einrichtung richtig behandelt wird. Im Einzelfall werden Patienten sogar 20 Jahre lang falsch versorgt. Die gesellschaftlichen Kosten für diese Fehlversorgung betragen jährlich rund 5,3 Milliarden Euro. Davon entfallen rund 1,7 Milliarden auf das Gesundheitssystem und 3,6 Milliarden auf die Arbeitgeber. Mit den richtigen Behandlungskonzepten lassen sich diese Kosten um mehr als die Hälfte senken. Das belegt eine Studie der Allgemeinen Hospitalgesellschaft AG (AHG) mit ihren psychosomatischen Fachkliniken Bad Dürkheim, Bad Pyrmont und Berus. Die Untersuchung wurde gemeinsam mit der DAK und der Universität Mannheim durchgeführt.
Statt frühzeitig psychische Belastungen, soziale Problemlagen und den Umgang des Patienten mit der eigenen Krankheit in die Behandlung einzubeziehen, konzentrieren sich ärztliche Diagnosen oft nur auf körperliche Faktoren. Die Folge: weitere kostenintensive ambulante Untersuchungen und Behandlungen, Aufenthalte im Akutkrankenhaus, lange Arbeitsunfähigkeitszeiten und hoher Medikamentenkonsum.
Mehr Lebensqualität für Patienten – weniger Krankheitskosten
In einer Langzeituntersuchung an drei renommierten psychosomatischen Fachkliniken der AHG in Bad Dürkheim, Bad Pyrmont und Überherrn-Berus wurde das Krankheitsverhalten von über 300 Patienten untersucht. Die Wissenschaftler prüften den Ressourcenverbrauch im Gesundheitssystem zwei Jahre vor und zwei Jahre nach einer stationären interdisziplinären Behandlung.
Das Ergebnis der Studie überrascht: Gegenüber rund 40.000 Euro durchschnittlicher Krankheitskosten für die traditionelle medizinische (Fehl-) Behandlung reduzierten sich die Kosten durch die Einbindung in ein interdisziplinäres medizinisches Verhaltenskonzept um über 54 Prozent auf 18.215 Euro. Werden die Patienten rechtzeitig verhaltensmedizinisch behandelt, verlaufen sonst langwierige Krankheitskarrieren verkürzt und werden Chronifizierungen vermieden: Die Lebensqualität der Patienten verbessert sich deutlich. So sanken die Arbeitsunfähigkeitszeiten (minus 62%), die Dauer der Krankheitsfälle (minus 53%), Behandlungstage im Akutkrankenhaus (minus 45%), ambulante Arztkontakte (minus 25%) und der Medikamentenkonsum (minus 40%). Die Patientinnen und Patienten waren auch zwei Jahre nach der stationären Therapie noch gesundheitlich stabilisiert und hatten ihr Krankheitsverhalten wesentlich verändert. Dies machte sie unabhängiger vom medizinischen Versorgungssystem, sodass auch der Ressourcenverbrauch wesentlich vermindert wurde.
Die Therapie in den drei Fachkliniken folgt dem Grundgedanken, den Patienten zum Manager seiner eigenen Erkrankung zu machen. Dazu arbeiten Ärzte und Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen eng in einem permanenten Kooperations- und Abstimmungsprozess mit dem Patienten zusammen, um so das gemeinsame Therapieziel zu erreichen.
Ein Euro für die Reha spart 3,79 Euro Folgekosten
Die gesundheitsökonomischen Effekte, die das Umdenken in Richtung einer frühzeitigen verhaltensmedizinischen Behandlung haben könnte, verdeutlicht Projektleiter Prof. Dr. Manfred Zielke, Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim: “Bei einem durchschnittlichen Pflegesatz von 110 Euro pro Behandlungstag und einer mittleren Aufenthaltsdauer von 51,6 Tagen in der psychosomatischen Klinik kostet die stationäre Behandlung und Rehabilitation 5.676 Euro pro Patient. Werden alle Kostenfaktoren und die Verringerung der Krankheitskosten einbezogen, ergibt sich eine Kosten-Nutzen-Relation von 1:3,79. Das bedeutet, dass bei einer Investition von einem Euro in die stationäre psychosomatische Behandlung und Rehabilitation sich die Krankheitskosten und der Krankheitsfolgekosten um 3,79 Euro verringern.”
Ergebnisqualität fördern
“Diese Zahlen belegen, dass die Versorgungsqualität sich für den Patienten erheblich verbessern lässt und die Einsparpotenziale im Gesundheitssystem durch eine verhaltensmedizinische Behandlung offensichtlich sind,” erklärt angesichts dieser Zahlen AHG-Vorstandsvorsitzender Norbert Glahn. “Fakt ist: Nur durch die rechtzeitige bestmögliche Behandlung werden Patienten schneller gesund.” Die DAK, die ärztlichen und therapeutischen Klinikleitungen und die beteiligten Wissenschaftler fordern, den Blick mehr auf die Qualität des Behandlungsergebnisses zu richten. “Ergebnisorientierte Behandlungskonzepte der Verhaltensmedizin und der medizinischen Rehabilitation bei psychosomatisch erkrankten Patienten helfen individuell und machen gesundheitsökonomisch Sinn,” so Dr. Klaus Limbacher, Chefarzt der Psychosomatischen Fachklinik Bad Dürkheim. “Mehr Qualitätsmanagement erhöht deutlich die Lebensqualität,” so Klaus Spörkel, Abteilungsleiter Leistungen bei der DAK. Deshalb sollte eine ergebnisorientierte Qualitätssicherung einen wesentlich höheren Stellenwert in der gesundheitspolitischen Diskussion erhalten. |